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3-928143-2001

Fryderyck Chopin / Mariusz Drzewicki, piano
Bozena Martowicz (Übersetzung: I. Schütt)

SCHERZO h-moll op. 20
In der Fremde, weit weg von seinen nächsten Angehörigen, durchlebte Chopin Augenblicke des Zusammenbruchs, der unüberwindbaren Sehnsucht und der Kraftlosigkeit. Dieser Zustand verstärkte sich durch die politische Situation in Polen. Der Volksbefreiungsaufstand 1832 scheiterte. In dieser Situation entstand die Idee zu einem Werk, in dessen Mittelteil die Melodie des schönsten polnischen Weihnachtsliedes erklingt: Schlaf, mein Jesulein, schlaf, (eins der zahllosen Beispiele der Verwendung eines Zitats in der Musik Chopins.) Das Scherzo h-moll – das ist große Dramatik am Anfang, durchdringende Akkorde, die einen Schrei der Wut und der Verzweiflung ausdrücken. Die Beruhigung bringt das Wiegenlied mit der charakteristischen Ostinato-Begleitung, anrührend und voller Nachdenklichkeit. In diese ruhig strömende Melodie sind scharfe Akkorde eingeflochten, um im letzten Teil mit aller Kraft zum Hauptthema zurückzukehren.

WALZER
Seine ersten Proben dieses Genres gab Chopin bereits in der Warschauer Zeit. Es waren dies Werke, die noch den deutlichen Zusammenhang mit dem Gebrauchstanz zeigten. Walzer als stilisierte Tänze entstanden erst nach der Abreise aus Polen. Einige der frühesten sind die Walzer in Es-dur op. 18 sowie die 3 Walzer op. 34. Sie sind gekennzeichnet durch Leichtigkeit und eine beträchtliche Steigerung in der Bewegung. Meist fangen sie sehr stark an (wie der Walzer in Es-dur op. 18 und der Walzer in F-dur, op. 34, Nr. 3), gehen dann über zum Figurentanz mit Kantilenen, um in der letzten Phase einen unbändigen Schwung zu bekommen, der zu einem wirbelnden Schluß hinführt. Alle haben den Titel „Grande Valse brillante“.

Bei den Walzern op. 42 (As-dur) und op. 64 (Des-dur, cis-moll, und As-dur) hat Chopin schließlich auf die Bezeichnung „brillante“ verzichtet, da er diesen Stil schon überwunden hatte. Bei dem Grande Valse As-dur op. 42 beobachtet man die Tendenz zur Polyrhythmie und Polymetrie. Dies zeigt sich im gleichzeitigen Vorkommen von zwei- und dreiteiliger Akzentuierung. Eine große Leichtigkeit charakterisiert den Walzer Des-dur op. 64 Nr. 1 in seinem dreiteiligen Aufbau.

Der Walzer cis-moll op. 64, Nr. 2 ist ein Beispiel für ein lyrisches Werk, aufgebaut auf einer Aneinanderreihung von kontrastierenden Teilen. Der Walzer e-moll op. posth. gehört trotz der Moll-Tonart zu den virtuosen Walzern. (Normalerweise sind Walzer in moll eher sentimentale Werke.)

VARIATIONEN B-dur op. 2 über das Thema „La ci darem la mano“ von W. A. Mozart
Mit diesem Werk hatte Chopin 1829 bei seinem Konzert in Wien großen Erfolg. Die dominierende Rolle des Klaviers in diesem Werk erlaubt es, daß man es auch als Soloversion aufführen kann. Der Pianist übernimmt zusätzlich die Partie des Orchesters. In dieser besonderen Form präsentiert Mariusz Drzewicki die Variationen. Die Exposition des Themas ist die originalgetreue von Mozart. In den folgenden Variationen zeigt sich eine allmähliche Verminderung des rhythmischen Wertes und die Anwendung differenzierter Artikulationsmittel. Besonders stark sind in diesem Werk die Einflüsse von Hummel, Weber und Paganini zu hören.

POLONAISE As-dur op. 53
Ähnlich wie die anderen Polonaisen Chopins knüpft auch diese an nationale Traditionen an. Dieser polnische Tanz im 3/4-Takt und in gemäßigtem Tempo ist charakterisiert durch typisch formulierte Rhythmen, besonders stark ausgeprägt in den Schlußphrasen. Das Trio ist im Hinblick auf die figurierende, in Oktaven gespielte Pedalnote (Bordun) äußerst effektvoll. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich eine Fanfarenmelodie. Die Polonaise As-dur hatte solch eine starke Wirkung auf die Zuhörer, daß sich, während Chopin seine Komposition in einem seiner Konzerte in Paris spielte, die polnischen Emigranten erhoben und die Nationalhymne anstimmten.

Überlassen Sie sich dem Zauber dieser Musik.

Mariusz DrzewickiFRYDERYK CHOPIN (22.2.1810 – 17.10.1849) gilt als der bedeutendste polnische Komponist und Pianist der Romantik. Schon in seiner Kindheit ließ sich sein außergewöhnliches musikalisches Talent erkennen. Im Alter von sieben Jahren komponierte er bereits jugendliche Polonaisen, andere Tänze, Variationen, Märsche, und in dieser Zeit konzertierte er auch schon als „Wunderkind“. Seine großartige Fähigkeit zum Improvisieren rief überall Begeisterung hervor, nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den berühmten Künstlern seiner Zeit. Damals war Chopins Schicksal unlösbar verbunden mit Warschau. Dort besuchte er das Gymnasium, studierte Theorie und Komposition und erhielt die höchstmögliche Bewertung: »Besondere Begabung – musikalisches Genie«. In seinen Studienzeiten entstanden u. a. die Variationen B-dur über das Thema „La ci darem la mano“ aus der Oper „Don Giovanni“ von W. A. Mozart. Dieses Werk begeisterte Robert Schumann, der zeitlebens ein Verehrer der Musik seines Zeitgenossen Chopin blieb. Sein berühmter Ausspruch »Hut ab, ihr Herren, ein Genie!« zeigt sein Verständnis für die innovative Kraft der Musik Chopins.

1828 reiste Chopin nach Berlin, und in dieser Zeit begannen seine Kontakte mit den Musikern im Ausland. Ein Jahr später konzertierte er in Prag, Dresden und Wien. Mit jedem Konzert bestätigte sich das herausragende kompositorische Talent Chopins. Seine vollkommene Meisterschaft des Klavierspiels, die durch Genauigkeit und Präzision gekennzeichnet war, bewies sich dabei stets von neuem. Im Oktober 1830 trat er zum letzten Mal vor dem Warschauer Publikum auf. Er hatte bereits seine zwei Klavierkonzerte f-moll und e-moll komponiert, die bis heute zum ständigen Repertoire der größten Pianisten auf der ganzen Welt gehören. Am 2. November 1830 verließ er Polen, noch nicht ahnend, daß er nie mehr in sein Vaterland zurückkehren würde. Er bereiste Europa und kam im September 1831 nach Paris, wo er seinen ständigen Wohnsitz nahm. Schon nach kurzer Zeit gab er sein erstes Konzert in Paris, zu dem sich u. a. F. Liszt, F. Mendelssohn, H. Heine, F. Fetis einfanden – letzterer der Hauptkritiker der Revue Musicale.

In der Erinnerung an dieses Konzert schrieb F. Liszt, daß der stürmischste Beifall, der Chopin entgegengebracht wurde, nicht auszureichen schien als Anerkennung für solch ein Naturtalent, das auf dem Gebiet des poetischen Gefühls eine so wunderbare Entdeckung sei und die Kunst auf eine bisher so nicht gekannte Ebene erhoben habe. Durch seine lebhafte Konzerttätigkeit konsolidierte sich Chopins Position unter den europäischen Musikern. Nach einem der Treffen mit Chopin notierte Mendelssohn: »Es ist in seinem Klavierspiel etwas so Vollständiges und Meisterhaftes, daß man ihn einen vollkommenen Virtuosen nennen kann.« Im Repertoire Chopins fanden sich hauptsächlich seine eigenen Werke – voller Glanz und Ausdrucksstärke, zugleich beruhigend und anrührend, vor allem aber durchdrungen von der Melodie seiner polnischen Heimat. Die Sehnsucht nach dem politisch unterdrückten Vaterland offenbarte sich im häufigen Bezug auf die Volksmusik, die ihm seit seiner Kindheit vertraut war. Er übernahm aus der Folklore rhythmische, melodische, harmonische und formale Werte, bis dahin kaum je verwendetete Zitate. Diese folkloristischen Merkmale der polnischen Musik übertrug er auf vielfältige Arten und Formen (u. a. in den Schlußsätzen der Klavierkonzerte, im Rondo a la Krakowiak, in den Mazurken und den Polonaisen). Deren künstlerische Gestalt behielt ihren Wert in der gesamten Musikgeschichte.

Chopin blieb im Umkreis der großen Meister der Kunst (Liszt, Berlioz, Meyerbeer, Balzac, Heine, Delacroix) und wurde viele Jahre von George Sand inspiriert, mit der er befreundet war. Er spürte allen künstlerischen Ereignissen in Europa nach und vergaß doch nie sein geliebtes Vaterland. Intensiv durchlebte er die stürmischen geschichtlichen Ereignisse, aber sein Gefühl zeigte sich in unwiederholbarer Art in den Klängen.

An einer unheilbaren Krankheit starb er am 17. Oktober 1849. Der Leib Chopins ruht auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris, aber das Herz wurde gemäß seinem Willen in Polen beigesetzt. An einer Säule der Heiligkreuz-Kirche in Warschau, wo sich das Herz Chopins befindet, ist ein Zitat aus dem Evangelium zu lesen: »Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz.«

Heute wird die Größe und die Zeitlosigkeit der Musik Fryderyk Chopins dokumentiert durch den seit 1927 in Warschau stattfindenden Internationalen Chopin-Klavierwettbewerb, der der Interpretation des Werkes des Komponisten gewidmet ist. Er erfreut sich des Interesses der jungen Pianisten auf der ganzen Welt, und den Preisträgern eröffnen sich Wege zu großen Pianistenkarrieren.

Wer war eigentlich Fryderyk Chopin? »Von Geburt Warschauer, mit dem Herzen ein Pole, und vom Talent her – ein Weltbürger« (Cyprian Kamil Norwid).

Mariusz Drzewicki

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